Flüchtlinge in Liechtenstein – 1950 bis 1998

Ein Beitrag von Martina Sochin, Doktorandin am Liechtenstein-Institut

Das 20. Jahrhundert war in Europa ganz wesentlich von den beiden Weltkriegen (1914–1918 und 1939–1945) gekennzeichnet, die zu Vertreibungen und Verfolgungen von Menschen bis hin zur Massenflucht geführt hatten. Doch auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges rissen die Flüchtlingsströme nicht ab. Auch Liechtenstein sah sich im Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts trotz seiner Kleinheit immer wieder mit Zuflucht Suchenden konfrontiert. Die folgenden Zeilen sollen einen kurzen Überblick über eine Auswahl Flüchtlingsgruppen geben, die in Liechtenstein seit 1950 um Asyl angesucht hatten oder im Rahmen von Kontingenten aufgenommen worden waren.

50er und 60er Jahre: Grosszügige Hilfe für Ungarn und Tschechoslowaken

In den Tagen nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes im Oktober 1956 erklärte sich auch Liechtenstein zur Aufnahme von ungarischen Flüchtlingen bereit. Die revolutionären Ereignisse, die sich in Ungarn abspielten, erhielten im Fürstentum eine hohe Aufmerksamkeit. Das Mitgefühl mit den ungarischen Flüchtlingen war gross. Hilfsaktionen vor Ort und die Aufnahme von ungarischen Flüchtlingen erfolgten rasch und unkompliziert.

Ähnlich gelagert war die Situation ein gutes Jahrzehnt später anlässlich der gescheiterten Reformversuche in der Tschechoslowakei im August 1968. Ohne lange zu zögern sprachen sich die Behörden auf Initiative der Hilfsorganisationen für eine Aufnahme von tschechoslowakischen Flüchtlingen aus. Die in Liechtenstein vorhandenen Wahrnehmungsmuster, die zu einer raschen und unkomplizierten Aufnahme von ungarischen und tschechoslowakischen Flüchtlingen führte, deckten sich in weiten Teilen mit denjenigen in der Schweiz oder anderen westeuropäischen Staaten. Den Ungarn und den Tschechoslowaken schrieb man die Rolle von antikommunistischen Freiheitskämpfern zu, was sich im Sprachgebrauch beispielsweise in Ausdrücken wie „heldenhaftes Volk“ manifestierte.

In Westeuropa identifizierte man sich mit dem Schicksal der vor dem Kommunismus flüchtenden Ungarn und Tschechoslowaken und ihrem Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit und gewährte den betroffenen Flüchtlingen deshalb grosszügig Asyl.

70er Jahre: Vorbehalte nach Militärputsch in Chile

Gegensätzlich zu diesen beiden Flüchtlingswellen gestaltete sich die Situation anlässlich des Militärputsches in Chile im Jahr 1973. Präsident Allende, der im September 1973 von den Militärs unter General Pinochet gestürzt wurde, gehörte einer demokratisch gewählten Linksregierung an. Seinen Anhängern hafteten deshalb in Westeuropa vor dem Hintergrund einer zumindest latent vorhandenen antikommunistischen Stimmung negative Zuschreibungen an. Obwohl sich in Liechtenstein das eigens gegründete Chile-Komitee mehrere Monate lang für eine Aufnahme von chilenischen Flüchtlingen einsetzte, stiess dieses Begehren bei den liechtensteinischen Behörden auf taube Ohren. Auch die Schweiz hatte erst nach einigem Druck aus der Öffentlichkeit die Aufnahme von Flüchtlingen aus Chile bewilligt. Die chilenischen Flüchtlinge hätten in Liechtenstein eine erste offiziell aufgenommene, aussereuropäische Flüchtlingsgruppe dargestellt. Zumindest vordergründig erachteten die Behörden gerade deshalb eine mögliche Integration der Chilenen in Liechtenstein als fraglich. Als wesentliches Element der schliesslich entschiedenen Nichtaufnahme können aber Ängste vor befürchteten linksgerichteten Agitationen bezeichnet werden.

70er Jahre: Indochinesische Flüchtlinge in Liechtenstein

Wenige Jahre nach dem ablehnenden Entscheid in Bezug auf die Flüchtlinge aus Chile fand dann mit den indochinesischen Flüchtlingen Ende der 1970er Jahre eine erste Gruppe von nicht europäischen Schutzsuchenden Aufnahme in Liechtenstein. Es handelte sich auch hier wieder um einen Ost/West-Konflikt, in dem die westeuropäischen Staaten mittels der Aufnahme von Flüchtlingen ein Zeichen gegen die kommunistische Herrschaft setzen konnten. Die dramatischen Umstände der Flucht trugen zum anderen nicht unwesentlich dazu bei, das besondere Mitgefühl der Weltöffentlichkeit zu erregen. Die Aufnahmeaktionen von indochinesischen Flüchtlingen hatten in Westeuropa zudem gleichzeitig einen karitativen Charakter. Nach einer anfänglichen Zurückhaltung von Seiten der Behörden entschloss sich schliesslich auch die liechtensteinische Regierung zur Aufnahme einer begrenzten Anzahl an indochinesischen Flüchtlingen.

90er Jahre: Bürgerkriege in Ex-Jugoslawien

Die Bürgerkriege in Ex-Jugoslawien stellten in den 1990er Jahren das nächste Ereignis dar, anlässlich dessen Liechtenstein mit den Auswirkungen von Vertreibung und Flucht konfrontiert wurde. Liechtenstein nahm – wie die meisten anderen europäischen Länder auch – ein offizielles Kontingent an Flüchtlingen aus Bosnien auf. Diesen Entscheid hatte die Regierung, nachdem die Tragweite des Konflikts nicht zuletzt durch die mediale Berichterstattung offensichtlich geworden war, rasch und unkompliziert gefällt. In der Bevölkerung war eine grosse Aufnahmebereitschaft vorhanden. Das in den Medien täglich kommunizierte Schicksal der bosnischen Flüchtlinge berührte. Von Anfang an stand in den Augen der westeuropäischen Aufnahmegesellschaften und der Hilfsorganisationen jedoch fest, dass die Aufnahme der bosnischen Flüchtlinge eine Aufnahme „auf Zeit“ darstellte. Nach Kriegsende sollten die Flüchtlinge so bald als möglich wieder in ihre Heimat zurückkehren. Ein dauerhafter Verbleib in den Aufnahmeländern war nicht vorgesehen.

90er Jahre: Aufnahme „auf Zeit“

Der Kososvo-Konflikt Ende der 1990er Jahre traf die Länder Westeuropas unvorbereitet. Von einem auf den nächsten Tag war auch Liechtenstein mit einem täglich wachsenden Zustrom an illegal einreisenden Kosovo-Flüchtlingen konfrontiert. Die flüchtlingspolitische Lage in Liechtenstein hatte sich jedoch geändert. Seit wenigen Monaten war eine eigene Flüchtlingsgesetzgebung und damit eine neue rechtliche Grundlage in Kraft. Bei der vorübergehenden Schutzgewährung an die Kosovo-Flüchtlinge konnte nun deshalb auf ein Gesetz zurückgegriffen werden, was bei sämtlichen zuvor in Liechtenstein aufgenommenen Flüchtlingen nicht der Fall gewesen war. Gleich wie den bosnischen Flüchtlingen wenige Jahre zuvor, gewährte Liechtenstein auch den Kosovaren nur die Aufnahme „auf Zeit“.

90er Jahre: Engagement der Bevölkerung für Tibeter

Noch während die liechtensteinische Gesellschaft im Jahr 1993 mit dem Krieg in Ex-Jugoslawien und den aufgenommenen bosnischen Flüchtlingen beziehungsweise der Schutzgewährung für dieselben beschäftigt war, tauchte im Oktober desselben Jahres ganz unvermittelt und unerwartet ein gutes Dutzend Tibeter in Liechtenstein auf, die um Asyl ansuchten. Die liechtensteinischen Behörden reagierten misstrauisch und waren den tibetischen Schutzsuchenden gegenüber kritisch eingestellt. Ungereimtheiten in den Befragungen rund um deren illegale Einreise nach Liechtenstein liessen bei den Behörden Zweifel darüber aufkommen, ob die Tibeter im Sinne der Genfer Konvention überhaupt Anrecht auf eine Anerkennung als Flüchtlinge hätten. Die Befragungen, um diesen Anspruch der Tibeter eruieren zu können, zogen sich über Monate hin. Die Situation für die Behörden war nicht einfach; in Liechtenstein behalten wollten sie die Flüchtlinge aus Tibet nicht. Eine Rückführung aber schien nicht zuletzt aufgrund der starken Lobby der Tibeter in der Schweiz und in Europa und der dadurch zu erwartenden Aussenwirkung als unmöglich. Während sich die Regierung mit der Frage beschäftigte, ob die Tibeter nun berechtigt waren, als Flüchtlinge aufgenommen zu werden oder nicht, setzten sich Teile der liechtensteinischen Bevölkerung mit grossem Effort für die Flüchtlinge ein.

Die angeführten Beispiele zeigen mit Ausnahme der chilenischen und tibetischen Flüchtlinge, dass sich die Behörden im Rahmen der Flüchtlingspolitik jeweils rasch der aktuell geltenden Situation anpassten und sich für eine unkomplizierte Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen hatten. Von Seiten der Bevölkerung war die Aufnahmebereitschaft gleichzeitig jeweils hoch gewesen, ebenso die anschliessende Akzeptanz der Flüchtlinge im täglichen Leben.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Dokumentation veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Flüchtlinge in Liechtenstein – 1950 bis 1998

  1. Ahmed sagt:

    Ich bin abdisalan i ch wohne Vaduz seit vier yahr ungefähr ich bin Familie habe swei Kinder ich habe viele broblem

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.